Ist die Krise wie alle anderen Krisen oder hat sie eine andere Qualität?

Krisen gab es immer - vom Untergang des römischen Reiches bis zur Weltwirtschaftskrise von 1929. Sie sind ein fester Teil unseres wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens. Aber ist diese Krise wirklich wie alle anderen? Nach unserer These ist dies mitnichten der Fall!

Wieso fragen Sie sich? Schaut man sich die Wirtschaftszeitalter an, so stehen wir gerade am Übergang zum nächsten Zyklus - dem Zeitalter der Information. Dieser Übergang bedeutet radikale, diskontinuierliche Veränderungen, bei denen unsere bisherigen Erfolgsmuster nicht mehr greifen. Denn das Zeitalter der Information ist durch ganz andere Größen gekennzeichnet und verfügt über ganz andere Erfolgsfaktoren als die vorangegangenen Zeitalter:

  • Fähigkeiten als entscheidender Wettbewerbsfaktor: Während in den vorangegangenen Zeitaltern der Zugang zu materiellen Erfolgsfaktoren, wie z.B. Land oder Kapital, für den Erfolg entscheidend waren, kommt durch das Zeitalter der Information eine neue Ebene hinzu: Informationen bzw. Wissen, d.h. neben einer materiellen Wertschöpfungskette tritt eine virtuelle Wertschöpfungskette und damit tritt der Mensch und seine Fähigkeiten in den Vordergrund. Zu beachten ist dabei, dass Fähigkeiten nicht ohne weiteres kurzfristig entwickelt werden können. Hier gilt vielmehr die 1:2:4:8-Regel, d.h. um eine Strategie zu entwickeln braucht man die Zeiteinheit 1, um die Prozesse und Strukturen dazu aufzubauen, die Zeiteinheit 2, um die Technologie zu entwickeln die Zeiteinheit 4, aber für die Entwicklung der notwendigen Fähigkeiten braucht es die Zeiteinheit 8.
  • Neues Weltbild: Die Welt kann nicht mehr als lineares System mit einem Ursache-Wirkungs-Denken und somit als berechen- und optimierbar betrachtet werden. Das System hat sich gewandelt und hat so einen Grad an Komplexität erreicht, dass ihm mit Methoden der Wahrscheinlichkeitsrechnung nicht mehr beizukommen ist. Somit laufen wir Gefahr, dass unser aktuelles Weltbild nicht zur Welt, unsere innere Landkarte nicht zur Landschaft passt. Es gilt heute vielmehr das erste Gesetz  der Psychologie: "Some do, some don`t"! Es muss also eine andere Sichtweise des wirtschaftlichen Handelns eingenommen werden, welches nicht nur auf dem Prinzip der Rationalität basiert, das ein Verständnis für komplexe, dynamische Systeme hat, und das eine ganz andere Art des Managens und der Unternehmensführung bedarf.
  • Management von Paradoxien: Im Gegensatz zu bisher, wo das ODER (zentral ODER dezentral, global ODER lokal, kontinuierliche Veränderungen ODER diskontinuierliche Veränderungen, ...) entscheidend war, ist das Zeitalter der Information gekennzeichnet durch das UND (zentral UND dezentral, global UND lokal, kontinuierliche Veränderungen UND diskontinuierliche Veränderungen, ...). Für Unternehmen bedeutet dies, dass sie in zwei "Welten" konkurrieren müssen: Einer physischen Welt UND einer virtuellen Welt, die aus Informationen besteht.
  • Management von diskontinuierlichen Veränderungen: Bislang waren Unternehmen vorwiegend mit kontinuierlichen Veränderungen konfrontiert. Heute gilt es aber zunehmend, Antworten auf diskontinuierliche Veränderungen zu geben. Es bedarf daher besonderer Fähigkeiten, die Notwendigkeit des Wandels frühzeitig zu erkennen, den erforderlichen (von Diskontinuität geprägten) Wandlungsprozess zu steuern sowie die Veränderungen zu implementieren.
  • Zunehmende Bedeutung von intangiblen Faktoren: Während im vorangegangenen Industriezeitalter Mitarbeiter Stabilität durch tangible Faktoren erfuhren, ist das Zeitalter der Information dadurch geprägt, dass die Mitarbeiter zunehmend in ständig wechselnden Projekten oder bereichsübergreifenden Teams arbeiten. Die neue Stabilität wird dabei verstärkt durch intangible Faktoren geliefert, wie z.B. Brand Identity, Unternehmenskultur, Werte und Verhalten, Spielregeln im Unternehmen, Rituale, die den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Sinn für ihr Tun stiften und sie inspirieren, Wagnisse einzugehen.

Die zentrale Herausforderung für die Unternehmensführung im 21. Jahrhundert besteht also darin, den Übergang zu einer auf Fähigkeiten beruhenden Wettbewerbsstärke zu meistern. Wer im Zeitalter der Information eine Führungsrolle einnehmen möchte, muss somit Architekt der Industrie sein und sich vom Wettbewerb differenzieren. "Wer immer in den Spuren anderer wandelt, darf sich nicht wundern, wenn er keine Eindrücke hinterlässt. Wer überholen will, muss aus der Normalspur ausbrechen!"